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Dokument Information
I.
Was will der Schüleraustausch?
II. Organisations-formen des
Schüleraus-tausches
III. Vor- und Nachbereitung des
Schüleraus-tauschs
Anmerkungen
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Gerhard Voigt:
Die Praxis des Schüleraustauschs
mit Polen
im Rahmen der interkulturellen Pädagogik
der
UNESCO-Schul-Arbeit
Vorbemerkungen zum Thema
Der Praxisbegriff des
Themas kann mißverstanden werden. Hier können sicher nicht vordergründig
Tips über das, was umgangssprachlich als "Praxis" verstanden wird, gegeben
werden: Organisationsmodalitäten, Adressen, Unterkunft und
Reisemöglichkeiten. Erste Hinweise dazu finden sich z.B. bei
Voigt/Nettelmann
oder im Heft 4/92 von "Praxis Geographie".
So wichtig die Verfügbarkeit solcher Informationen und der
Erfahrungsaustausch darüber ist - eine zentrale "Börse" zum
Erfahrungsaustausch und zur Dokumentation von Publikationen und
ansprechbaren Adressen wäre gerade bei der Vielzahl paralleler
Polen-Aktivitäten sinnvoll und sollte, schulbezogen, beim
Kultusministerium oder, auf breiterer Basis, bei der Landeszentrale für
Politische Bildung eingerichtet werden -, für den Einstieg in die eigene
Schüleraustausch Praxis und das Erkennen erster Erfolge oder Probleme ist
ein anderer, reflexiver Praxisbegriff anzulegen. Reisen, Begegnungen,
Kontakte und institutionalisierte Schulpartnerschaften zu organisieren
verlangt zunächst und vor allem erst einmal Klarheit über die
Zielsetzungen, Informationen über die Situation, die Rahmenbedingungen, in
denen der Schüleraustausch stattfinden soll, Kenntnisse der
grundsätzlichen Probleme beim interkulturellen Kontakt und einen
pädagogischen Kontext, der die Kontinuität und Ernsthaftigkeit der
Bemühungen absichert.
Es müssen die notwendigen
Kenntnisse und Voraussetzungen angesprochen werden, die in einer
reflektierten Praxis des Schüleraustausches gerade in einem sensiblen
Nachbarschaftsverhältnis wie dem mit Polen berücksichtigt werden müssen:
die Hypotheken und Handlungsvoraussetzungen, die sich aus einer
problematischen Geschichte zwischen Deutschland und Polen ergeben, die
Belastungen des Kontaktes, die aus dem unterschiedlichen Verständnis der
eigenen historischen Entwicklung entstehen und die Konfrontation mit der
noch nicht aufgearbeiteten eigenen schuldvollen Nationalvergangenheit
Deutschlands in der Zeit der Okkupation Polens und des Zweiten
Weltkrieges.
Einen
zukunftsorientierten Ansatz zum verantwortungsbewußten Umgang mit der
eigenen Geschichte findet das Konzept des interkulturellen Lernens in den
UNESCO-Projekt-Schulen. Nun können nicht alle Schulen
UNESCO-Projekt-Schulen werden. Doch kann die Praxis der internationalen
Begegnung, wie sie in diesen Schulen erprobt, entwickelt und dokumentiert
wurde, durchaus als Anregung und Vorbild für entsprechende Aktivitäten in
anderen Schulen dienen. Der Schüleraustausch ist ebenso wie das
inhaltliche Konzept der UNESCO-Projektschul-Arbeit dem mit den
zeitgeschichtlichen gesellschaftlichen und politischen Wandlungen parallel
laufenden pädagogischen und fachlichen Paradigmenwandel unterworfen. War
der Anfang dieser Aktivitäten, die auf die erste Nachkriegszeit
zurückgehen, geprägt von der unmittelbaren und spontanen Reaktionen auf
Krieg und NS-Verbrechen, wo jeder internationale Kontakt - recht
idealistisch und oft auch von bildungsbürgerlichem Politikverständnis
geprägt - als Weg aus der politischen Sackgasse gesehen wurde, in die
Mitteleuropa hineingetrieben worden war - auch die Anfänge der
europäischen Integrationsbewegung sind hier zu sehen, auf die z.B. das
erfolgreiche deutsch-französische Jugendwerk aufbauen konnte -, so ist
heute die Konfrontation mit neuen, bedrohlichen internationalen und
innergesellschaftlichen Problemen Antrieb für eine Erneuerung und
Vertiefung der internationalen Kontakte und des Schüleraustausches:
Erneut aufbrechende
Nationalitätenkonflikte im ehemaligen Machtbereich des "real existierenden
Sozialismus", Not und Verelendung weiter Teile der Welt, die zu einer
sozialen Dichotomie der Welt und unabsehbaren, vielleicht auch
kriegerischen Sozialkonflikten führen kann, Erwachen eines
interessengeleiteten, diskriminierenden deutschen oder EG-europäischen
Nationalgefühls (einer industriestaatlichen "Wagenburgmentalität") und
damit Anwachsen rechtsradikaler, ausländerfeindlicher Tendenzen in der
eigenen Gesellschaft, gespeist durch den sozialen und politischen
Problemdruck in der eigenen Gesellschaft nach der deutschen Vereinigung
Die Schule kann hier nur ansatzweise wirksam werden, wenn sie auf eine
noch bildungsfähige Schülerschaft stößt und sich selbst als
verantwortlicher Teil innerhalb dieser sozio-kulturellen Konfliktlage
begreift.
Inhaltlich ist dies der
von den beiden genannten Referenten abgesteckte Rahmen in dem die Praxis
nun ihren Standort, vor allem aber den Standort der Schülerinnen und
Schüler bestimmen muß, die von dem Konzept des interkulturellen Lernens
angesprochen werden. Nun mag es eine emotionale Belastung sein, sich mit
der oft aussichtslos erscheinenden gesellschaftlichen Situation oder den
ebenso erschreckenden internationalen Perspektiven auseinandersetzen zu
müssen und die eigenen Ziele und Aktivitäten auch noch bewußt in dieses
Szenario einpassen zu wollen: Besonders wichtig ist auch hier die,
Konflikte und Schwierigkeiten ausblenden zu wollen; das Betonen der
notwendigen Kenntnisse über die historischen Wurzeln der polnischen
Mentalität können beim Schulpraktiker das Gefühl einer nicht zu leistenden
Aufgabe aufkommen lassen: soll ich dieses umfassende
Geschichtsverständnis, diesen Umfang an Kenntnissen und Reflexionen
wirklich selbst erst bewältigt haben, ehe ich eine verantwortbare Praxis
des Schüleraustausches entwickeln kann?
Dieser Aufsatz möchte
ganz im Gegensatz dazu Mut machen, anzufangen und stellt an den Anfang die
These: internationale Begegnungen zwischen Schülern im Erleben des
gegenseitigen Alltags sind leichter als gedacht, wenn einige, einfache
Voraussetzungen bei der Vorbereitung bedacht worden sind und wenn die
grundsätzliche Bereitschaft zu Lernen nicht nur bei den Schülerinnen und
Schülern sondern auch bei den Lehrern vorhanden ist, wenn ganz bewußt eine
Pädagogik gewählt wurde, die der Erfahrung des "Fremden"das Bedrohliche,
Angsterzeugende nimmt und auf die natürliche Neugier, die Faszination der
Begegnung setzt.
Und dann wird jeder
sehr schnell erfahren können, daß nicht das Fremde, das Befremdliche in
der internationalen Begegnung dominiert, sondern die Erfahrung gleicher
Lebensinteressen und Alltagsverhaltensweisen und daß Unterschiede in
Wahrnehmung und Verhalten erklärbar und nachvollziehbar, verständlich und
damit keineswegs "befremdlich" sondern oft sehr "naheliegend" sind.
Aus der Reflexion der
Ziele des geplanten Schüleraustauschs ergeben sich die grundlegenden
Weichenstellungen, die die Austauschpraxis bestimmen. Drei Zieldimensionen
stehen dabei immer nebeneinander und müssen in sinnvoller Weise
gegeneinander ausgewogen und in ein praktikables Gleichgewicht gebracht
werden:
a. die allgemeinen
politischen Optionen,
b. die
Kontaktmöglichkeiten und Intentionen in der Gastschule und c. die
pädagogischen Ziele in der eigenen Schule.
Aus der Zusammenfassung
der zweiten und dritten Zieldimension ergibt sich die Grundlage für das
Konzept des interkulturellen Lernens. Alle drei Dimensionen stehen jedoch
in einer unlösbaren Interdependenz und müssen in dieser sorgfältig
abgegrenzt und bestimmt werden. Es erscheint sinnvoll zu sein, diese drei
Zieldimensionen einzeln etwas genauer zu beleuchten:
Die allgemeinen
politischen Optionen beziehen sich nicht nur auf eigene politische
Zielvorstellungen, sondern vor allem auf die gesellschaftlichen und
politischen Rahmenbedingungen, in denen der Kontakt zwischen den Schulen
stattfindet und der Schüleraustausch und die Schulpartnerschaft
organisiert wird. Gerade in Partnerländern wie Polen oder auch in der
Türkei, wie auch in allen Ländern der Dritten Welt, wird auf das
Respektieren des offiziellen Rahmens großer Wert gelegt. Die bewußte
Berücksichtigung dieses Bedingungen erleichtert daher weithin die
Realisierung von Schüleraustauschprojekten.
Um hier aus der eigenen
praktischen Erfahrung zu berichten, zwei Beispiele aus eigenen
Schüleraustauschprojekten. Die Bismarckschule Hannover war eine der ersten
Schulen in der BRD, der es gelang, eine offizielle und institutionell
abgesicherte Partnerschaft mit einer Schule in Polen, mit dem 5. Lyceum in
Poznan, einzugehen. Das gelang nicht ohne Schwierigkeiten. Wichtig wurde
dabei aber die Einbindung in die Städtepartnerschaft zwischen Hannover und
Poznan und das Engagement des hannoverschen Oberbürgermeisters.
Diese Absicherung, die
Anfang der achtziger Jahre bis in das polnische Außenministerium hinein
vorgetragen wurde, sicherte dann aber den polnischen Kolleginnen und
Kollegen die notwendigen Freiräume zur praktischen Durchführung des
Schüleraustausches in beiden Richtungen. Diese offizielle Absicherung gibt
dem Schüleraustausch die notwendige Sicherheit. Mitte der achtziger Jahre
ergänzte die Bismarckschule Hannover ihre interkulturellen
UNESCO-Aktivitäten mit der Vereinbarung einer Schulpartnerschaft mit der
dem Istanbul Lisesi, einer hoch angesehenen Oberschule in der Türkei, die,
dem "anatolischen Oberschultyp" entsprechend, einige Fächer wie Mathematik
und Naturwissenschaften in einer Fremdsprache, in unserem Falle in
Deutsch, unterrichtet und dabei auch deutsche Gastlehrer beschäftigt.
Die offiziellen
Widerstände waren bei aller persönlichen Bereitschaft der beteiligten
Schulen zunächst sehr groß, bis wir ganz bewußt die offizielle Ebene
einschalteten und Kontakt mit dem Ministerium für Nationale Erziehung in
Ankara aufnahmen, um der Schulpartnerschaft offiziellen Charakter zu
geben. Das Istanbul Lisesi unterhält nun einige solche Partnerschaften mit
Schulen in Deutschland, türkische Schüler können ihrer Partnerschulen in
Deutschland besuchen - zweimal konnten wir Gruppen aus Istanbul in der
Bismarckschule Hannover begrüßen - und diese Schule wird zu einem
Anstoßgeber für pädagogische Innovationen in der Türkei - eine durchaus
erwünschte Nebenfolge einer Schulpartnerschaft: voneinander zu lernen und
Multiplikatorenfunktionen in der eigenen Gesellschaft zu übernehmen.
Zu diesem offiziellen
oder offiziösen Charakter der Schulpartnerschaften gehört auch das
Eingehen auf entsprechende Begrüßungsrituale, die in offiziellen
Empfängen, Geschenkaustausch und Reden erwartet werden und ihren Ausdruck
finden. Einige wohlgesetzte (und nicht neudeutsch-schlampige) Sätze zur
Begrüssung sollten wohl vorbereitet sein. Unser modischer Drang zu
sogenannter spontanen "ehrlichen Äußerung von Stimmungen und Gefühlen"
wird im Gastland oft anders verstanden: als Mißachtung der
Höflichkeitsregeln und damit als Geringschätzung der angesprochenen
Menschen.
Damit ist eine andere,
wichtigere und grundsätzlichere Bedeutungsdimension verbunden: Es ist
notwendig, als Gast in einem fremden Land nicht als "Eindringling" zu
erscheinen, der seine eigenen Wünsche und Interessen erfüllen will und
damit die Regeln der Gleichwertigkeit und der Gastfreundschaft mißachtet.
Dies ist ein allgemeines Tourismusproblem. Zu leicht wird der Besuchte in
die Rolle des Objektes, auch meinetwegen des wohlwollend bis hilfreich
betreuten Fürsorge- und Mitleidsempfängers degradiert und damit gerade
seiner wichtigsten menschlichen Rechte beraubt. Wenn wir als Lehrer aus
der Subjekt-Objekt-Beziehung zu den "zu beschulenden Schülerinnen und
Schülern" ganz bewußt heraus wollen hin zur Organisation gemeinsam
gestalteter Lernsituationen, so gilt dieses veränderte Paradigma der
modernen Pädagogik erst recht in der Beziehung zu ausländischen
Kolleginnen und Kollegen, Schulen, Schülerinnen und Schülern.
Auch der sogenannte
"sanfte Tourismus" kann sich nicht ganz aus dieser interessengeleiteten
Funktionalisierung und Objektivierung des Gegenübers befreien, was zu
einem fast unlösbaren Dilemma für den auf Reisen und Kontakte angewiesenen
Geographen oder an internationalen Fragen orientierten Politologen und
Politiklehrer werden kann. Eigentlich gehört zu jeder Reise eine Einladung
Bedingt können touristische Angebote im besuchten Land an diese Stelle
treten, oder auch zufällige Kontakte; niemals aber darf Tourismus, wie nur
zu oft, zur neokolonialen Penetration werden, die ohnehin nichts zum Abbau
von Vorurteilen und Stereotypen beiträgt, wie es Wortmann und Nettelmann
schon sehr deutlich ausgeführt haben. Gerade aus diesem Grunde ist die
Schulpartnerschaft der traditionellen Studienfahrt vorzuziehen.
Persönliche
Bekanntschaften und Kontakte sind das "Herz" des Schüleraustausches, der
die Anonymität des gegenseitigen Beobachtens aufheben will in der
Gemeinsamkeit der Wahrnehmung und der Erfahrung mit allen affektiven und
emotionalen Implikationen. Es ist dabei sinnvoll, vorhandene persönliche
Beziehungen, Briefkontakte und familiäre Bindungen in die Organisation
einer Schulpartnerschaft mit einzubeziehen. Ebenfalls sollte versucht
werden, neu geknüpften Beziehungen Dauer zu verleihen und ein möglichst
dichtes Geflecht persönlicher Kontakte herzustellen. Dazu ist es
notwendig, Schüler und Eltern in die Vorbereitung einzubeziehen, der
inhaltlichen und organisatorischen Vorbereitung einen ausreichenden
Zeitraum (für eine Reise bis zu einem Jahr im Voraus) zuzuweisen. Auch
persönliche gegenseitige Besuche der an der Organisation der
Schulpartnerschaft beteiligten Kolleginnen und Kollegen vor der
eigentlichen offiziellen Reise kann sehr hilfreich sein.
Die Vorbereitung versucht
aus Informationen über die Geschichte und Gegenwart, die soziale und
ökonomische Situation und die aktuellen politischen Konflikte im
Partnerland, in unserem Falle also in Polen, für die Teilnehmer am
Schüleraustausch Maßstäbe und Orientierungsmarken zu entwickeln, die zum
Verständnis der Alltagswahrnehmung während des Besuches in Polen beitragen
können. Dies ist umso wichtiger, als auch hier der Satz gilt: »Man sieht
nur das, was man weiß«. Naive, uninformierte Beobachtung trägt nur im
seltensten Falle zum Verständnis bei, denn auch Sehen und Wahrnehmen muß
erst gelernt sein, sonst leiten uneingestandene Vorurteile und Stereotype
die Wahrnehmung und bestätigen und verfestigen sich oft nur selbst.
Die pädagogische
Intention des Schüleraustausches bezogen auf die eigenen Schülerinnen und
Schüler weist auf das Konzept des interkulturellen Lernens, wie es Dr.
Wortmann vorgestellt hat. Eine umfassendere Einbindung in das schulische
Curriculum, die Herstellung sinnvoller fachlicher Bezüge und die
organisatorische Verfestigung durch Verankerung in Lehrpläne und
Themenfolgen verweist dann auch auf ein umfassenderes Konzept der
interkulturellen Erziehung. Interkulturelle Erziehung ist kein zu
erlernendes Stoffangebot, sondern ein neuartiges Vermittlungskonzept und
pädagogisches Prinzip, das zunchst von der Situation und der
Alltagserfahrung der Schülerinnen und Schüler selbst ausgeht.
Im Gegensatz zur
traditionellen "Ausländerpädagogik", die sich lange Zeit vor allem als
"Reparaturbetrieb" für Wissens- und Lerndefizite verstand und sich
ausschließlich direkt an betroffene Ausländerinnen und Ausländer wandte,
versteht die interkulturelle Erziehung kulturell und herkunftsmäßig
gemischte heterogen Lerngruppen als positiv bewertete Chancen und für alle
Beteiligten fruchtbare Lernsituationen. In diesem Konzept wird dem
Ausländer oder Fremden - beides von außen zugeschriebene Attribute - nicht
die Objektrolle des "zu Fördernden" und auch nicht des
"Anschauungsobjektes" für die Lernziele für die "einheimischen
Schülerinnen und Schüler" zugewiesen, sondern alle an der Lernsituation
beteiligten sind gleichermaßen an der Erfüllung der Lernziele und der
Gestaltung der Lernbedingungen beteiligt. Dadurch wird der adäquate Rahmen
für die Vorbereitung und curriculare Einbeziehung des Schüleraustausches
in den Schulalltag gegeben (was sicherlich Lernprozesse und
Bewußtseinsfortschritte bei den Lehrern selbst voraussetzt).
Es mag hilfreich sein,
darauf hinzuweisen, daß die eingeleitete Rahmenrichtlinienrevision in
Niedersachsen die pädagogischen Innovationen, die mit dem Konzept des
interkulturellen Lernens verbunden sind, ausdrücklich fördert. Neben der
inhaltlichen Schwerpunktsetzung im interkulturellen Bereich und der
verbesserten Förderung von Auslandsaktivitäten der Schulen [denen die
desolate Finanzsituation des Landes Niedersachsen leider immer noch enge
Grenzen setzt] sind vor allem die Ergebnisse einer fächerübergreifenden
Reformkommission bestimmend, die als Vorgaben für die Erarbeitung neuer
Rahmenrichtlinien für alle Fächer verbindlich gemacht werden sollen. Der
Ansatz der curricularen Rahmensetzung soll in Zukunft nicht mehr der
normativ definierte Stoffkanon sein und auch nicht eine Liste mehr oder
weniger legitimierbarer Lernziele sondern der Bezug auf die grundlegenden
Lebenssituationen von Schülern, wie sie sich in «Schlüsselproblemen» (KLAFKI)
artikulieren lassen.
Lerninhalt ist die
Auseinandersetzung mit diesen Schlüsselproblemen auf der Grundlage
kritischer Realitätserkenntnis und der Arbeit mit «leitenden theoretischen
Konzepten»; Schlüsselprobleme wie «tragende Konzepte» sind dabei nicht auf
Dauer festzuschreiben sondern im Prozeß der gesellschaftlichen Entwicklung
wie des mit ihr verbundenen theoretischen Paradigmenwandels
fortzuschreiben und kritisch zu revidieren.
Ein zentrales
Schlüsselproblem in der heutigen Gesellschaft ist die Wahrnehmung und
Verarbeitung der «Sozialen Ungleichheit» sowohl in der eigenen
Gesellschaft wie im internationalen bzw. globalen Rahmen. Tragende
Erklärungskonzepte finden sich hier z.B. im Zentrum-Peripherie-Modell, in
der Beobachtung von Peripherisierungs- und Marginalisierungsprozessen
(«Dritte Welt», Osteuropa, neue Bundesländer, «Zweidrittelgesellschaft»
etc. - Vgl. die Entwürfe in "PUA I/92").
In diesem in
verschiedenen Fächern aufzuarbeitenden Erklärungskontext lassen sich auch
die Rahmenbedingungen und Zieldimensionen der Schulpartnerschaften ebenso
einbinden wie die interkulturellen Lernsituationen in der eigenen Schule.
Eine Vielzahl von Veranstaltungen über den Fachunterricht hinaus
ermöglichen den inhaltlichen Zusammenhalt der curricularen Ansätze, die
auf absehbare Zeit zumindest noch in den traditionellen Schulfächern
verankert sein werden.
Auch die Dominanz der
Fächer Geschichte, Sozial- und Politikwissenschaften und der
Kulturwissenschaften (Sprachen, Kunst, Musik) in der Vorbereitung und
Durchführung des Schüleraustausches wird wohl kaum aufzuheben sein, wenn
auch, wie weiter unten ausgeführt werden soll, arbeits- und
projektorientierte Austauschformen diese fachliche Einschränkung lockern
kann durch die Bearbeitung gemeinsamer Problemstellungen z.B. im Bereich
der Ökologie und der Naturwissenschaften, oder durch gemeinsame sportliche
Aktivitäten.
Auch in diesem Abschnitt
ist es wichtig, Organisationsformen nicht äußerlich als Alternativen z.B.
im Transport, der Unterbringung oder der Programmgestaltung zu verstehen -
so wichtig es ist, auch hier für das konkrete Vorhaben sinnvolle Lösungen
zu finden - sondern Organisationsformen als übergreifende pädagogische
Alternativen zu begreifen, die je nach äußeren Rahmenbedingungen,
Möglichkeiten im Gastland Polen und pädagogischer Funktion in der Schule
gewählt und erprobt werden können.
Der "klassische
Schüleraustausch" stellt den Aufenthalt in der Gastschule, Teilnahme am
dortigen Schulunterricht und die Unterbringung in Familien in den
Vordergrund. Nur auf der Basis strikter Gegenseitigkeit kann diese Form
der Schulpartnerschaft über einen längeren Zeitraum hin aufrecht erhalten
werden. Gerade der Schulbesuch verlangt dabei in der Regel eine offizielle
Absicherung, die der Schulpartnerschaft einen institutionellen Rahmen
gibt. Diese Festigkeit und Kontinuität der Beziehung, die längerfristig
vereinbarte pädagogische Konzeption, die zwischen den Schulen vereinbart
wird, und das Lernen von den schulischen Erfahrungen der Partnerschule ist
der wesentliche Vorteil dieser Organisationsform.
Dem stehen jedoch einige
Probleme gegenüber, die sorgsam bedacht sein sollten. Einmal ist die
finanzielle und wirtschaftliche Lage der Partner nicht gleich; Hilfe darf
nicht "fürsorglich" angeboten werden, sondern muß sich strukturell aus der
Vorbereitungssituation heraus ergeben. Eine Hilfe wird hier u.U. das
Deutsch-Polnische Jugendwerk werden, das seine Arbeit jedoch noch nicht
aufgenommen hat. Während der deutschen Seite bislang doch trotz aller
finanziellen Beschränkungen einige Förderungsmöglichkeiten offen standen,
muß die polnische Schule nahezu ohne jede finanzielle Hilfe aus dem
eigenen Lande auskommen und den Schüleraustausch voll selbst finanzieren.
Ein völlig anderes Problem liegt darin, daß bei mangelhafter Vorbereitung
und mangelnder Möglichkeit der kontinuierlichen Betreuung während das
Aufenthaltes im Gastland die Schüler oft recht unvermittelt in soziale
Situationen in den Gastfamilien hineinkommen, die sie nicht verstehen und
nicht bewältigen können. Die daraus entstehenden «Fremdheitsgefühle»
können u.U. in aggressive Ablehnung oder in Desinteresse an der
Fortsetzung der Kontakte umschlagen und damit die Zielsetzungen des
Schüleraustausches konterkarieren. Die Vorbereitung eines Aufenthaltes in
polnischen Familien muß daher sensibilisieren für die möglichen
Erfahrungen im Alltagsverhalten, die befremdlich wirken könnten oder als
Teile einer unverständlichen fremden Alltagskultur wahrgenommen werden
könnten. Kenntnisse der historischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge,
der Herkunft von Empfindlichkeiten oder unerwarteter Realitätsdeutungen
müssen vorab vermittelt werden. Wichtig ist es aber auch, während des
Aufenthaltes Möglichkeiten der Zwischenbilanz, des Gespräches und des
Erlebnisaustausches in der Schülergruppe einzuplanen.
Andererseits sollte die
"Gefahr" dieser Befremdlichkeiten auch nicht überschätzt werden und
keinenfalls als Argument gegen den Schüleraustausch an sich benutzt
werden. Einmal ist jede schulische Aktivität, jedes pädagogische Vorhaben
mit dem Risiko des Mißerfolges behaftet; der Schüleraustausch und die
Schulpartnerschaft ist durch die Menge der Lernmöglichkeiten, durch die
Besonderheit der Situationswahrnehmungen und durch die Attraktivität des
Lernens außerhalb des "normalen" Unterrichtes dabei sicher eine der
erfolgversprechendsten Unternehmungen, die eine Schule in Angriff nehmen
kann.
Mißerfolge sind nach
aller Erfahrung selten und bestimmen nicht die heutige Realität der
Schulpartnerschaften mit Polen. Daß eingespielte Schulpartnerschaften auch
beendet werden können, daß Partnerschulen wechseln oder daß neue
pädagogische Schwerpunkte gesetzt werden, auch weil die beteiligten
Personen wechseln oder neue Ideen und pädagogische Innovationen ältere an
den Rand drängen, sollte nicht als Mißerfolg sondern als normale
Entwicklung im Leben einer Schule akzeptiert werden.
Andererseits ist die
Erfahrung der "Befremdlichkeiten" im Kontakt zwischen Jugendlichen vor
allem in den europäischen Ländern, zu denen hier sogar noch Randbereiche
wie die Türkei oder Israel zu zählen sind, immer seltener; die Interessen-
und Erfahrungsgleichheit der Jugendlichen dominiert weitgehend. Ob man es
nun positiv oder kritisch sieht: die "Weltkultur" der Medien und der
Konsumgesellschaft dominiert immer mehr gegenüber den traditionellen
regionalen, ethnischen und nationalen Verhaltensrepertoires. Es ist dabei
keineswegs ein Widerspruch, daß im Protest gegen diese kulturelle
Nivellierung, in der sich ja auch politische Hegemonie und ökonomische
Disparität ausdrückt, gerade die Berufung auf die Traditionen und
Regionalismen neue politische Sprengkraft erwerben und Konfliktmuster in
vielen Teilen der Welt bestimmen.
Dennoch ist zumindest die
Kenntnis der "jugendorientierten Konsumkultur" überall vorauszusetzen und
bei denjenigen Schülerinnen und Schülern, die sich aktiv für einen
Schüleraustausch einsetzen, auch weitgehend Grundlage ihres
Alltagsverhaltens. Wo es etwas zu welchen Preisen zu kaufen gibt, wo die
besten Diskos sind oder welche Freizeitangebote gerade "in" sind,
interessiert Jugendliche in der Regel in den beteiligten Ländern
gleichermaßen.
Aber auch die Kenntnis
der historischen Perspektive erleichtert, wie gesagt, den Zugang zum
Verständnis der polnischen Alltagskultur. Auffälligkeiten im polnischen
Alltagsleben werden dadurch verständlich und ihrer oft aus deutscher Sicht
negativen Etikettierung entkleidet. Das gilt vor allem für das ja
tatsächlich beobachtbare distanzierte Verhältnis der polnischen
Gesellschaft zum eigenen Staat, die ganz andere Bewertung von
"subversivem" Verhalten und - aus deutscher Sicht - "Querulantentum", für
das daraus resultierende scheinbare "Chaos" der "polnischen Wirtschaft"
und das kaum je reibungslose Funktionieren der polnischen Verwaltung.
Konkrete Beispiele sind
an anderer Stelle veröffentlicht worden, Presseberichte tun ein übriges,
diese Charakteristiken als "typisch für Polen", aber auch als negativ
bewertete "Mentalitäten" zu beschreiben. Dabei sind erklärende Ansätze
nahe liegend. So die historischen Erfahrungen, die das polnische Volk mit
der fast durchweg oktroyierten Staatsmacht, mit fremden Dynastien,
polnischen Teilungsmächten, mit der deutschen Okkupation 1939 und dem
stalinistischen Regime von Gnaden der Sowjetunion machen mußte, und die
notwendigen Überlebensstrategien im Untergrund, im Aufstand und in der
Subversion, wo Vertrauen in den Staat tödlich gewesen wäre, so aber auch,
noch viel weiter in die Geschichte zurückgreifend, der von West- und
Mitteleuropa abweichende Staatenbildungsprozeß, in dem sich aus den
Wurzeln einer Bauerngesellschaft, die nie der mittelalterlichen
fränkischen Grafschaftsordnung und dem römischen Reichsgedanken
unterworfen wurde, keine etatistische sondern eine korporative
Gesellschafts- und Nationenbildung vollzog, in der Regionalismus,
Unabhängigkeitsgarantien der zu Adligen gewordenen Bauern gegenüber allen
zentralistischen Instanzen und ein ritualisiertes und austariertes
Machtgleichgewicht der adligen Clane entwickelte, die ihren extremsten
Ausdruck in der durch "liberum veto" und "Konföderationsrecht"
paralysierten polnischen Adelsrepublik der »Szlachta-Gesellschaft« fand.
Dieser antistaatliche, in
extremer Form auch destruktive, Freiheitsbegriff und der darin wurzelnde
Selbstbehauptungswille hat zwar in den polnischen Teilungen zum Untergang
des polnischen Staates beigetragen, andererseits aber das Überleben der
polnischen Nation ermöglicht: «Noch ist Polen nicht verloren» wurde zum
Symbol des Widerstandes und eines bis heute den polnischen Alltag
prägenden Freiheitsbegriffes, der Subversivität, Widerstand gegen
Autoritäten und Primat der persönlichen Beziehungen vor Loyalität
gegenüber Institutionen beinhaltet. Dieses Verhalten hatte seinen
historischen Erfolg und ist damit zum Bestandteil der polnischen
politischen Kultur geworden, was vor diesem Hintergrund weit weniger
unverständlich erscheint, aber die sozioökonomischen Zukunftsperspektiven
prägt und bei jeder politischen Prognose mit in Rechnung gestellt werden
muß.
Ein "projektorientierter
Austausch" bietet Antworten auf einige der genannten Probleme. In dieser
Organisationsform vereinbaren beide Seiten des Schüleraustausches
gemeinsame Arbeitsphasen an einem Projekt, das sich in die Arbeit beider
Schulen einfügt. Dabei ist es möglich, über die implizierten Fachanteile,
andere Schulfächer und deren Lehrkräfte aktiver als sonst an der
Vorbereitung und Durchführung der Schulpartnerschaft zu beteiligen.
Ansatzpunkte bieten z.B.
die regelmäßigen Schwerpunktthemen der UNESCO-Schulen, die international
ausgeschrieben werden, oder das UNESCO-Projekt "Ostsee", in welchem
Schüler aus allen Anrainerstaaten der Ostsee die ökologische Gefährdung
dieses Randmeeres untersuchen und damit zu einem übernationalen Bewußtsein
über die gravierenden ökologischen Problemsituationen dieses Raumes
beitragen können.
Aber auch die gemeinsame
Teilnahme an mathematischen oder naturwissenschaftlichen Wettbewerben -
aber bitte niemals "Schule gegen Schule": ein solches Vorhaben geht
gemessen an den Zielen des interkulturellen Lernens "nach Hinten los"! -,
an der Auseinandersetzung mit neuen Technologien, Informationsmedien und
dem Computerzeitalter, an Projekten zum Landschaftsschutz oder zur
Altstadtsanierung, können eine Faszination ausstrahlen, daß sie mit der
Beendigung des Besuches nicht abgeschlossen sind sondern auf vielfältige
Weise bis hin zu privat organisierten Besuchen weiter verfolgt werden. Ein
besonderer Vorteil eines solchen projektorientierten Austausches ist auch
die größere Außenwirkung und die Werbewirksamkeit für interkulturelle
Veranstaltungen überhaupt. Daß mit solchen Projekten auch dem Austausch
selbst über die Kontakte und die pädagogischen Ziele hinaus für die
Teilnehmer eine weitere Sinnebene geschaffen wird, mit der sie sich
identifizieren können, ist nur positiv zu bewerten.
Schwierigkeiten hat
bisher bei den ersten Versuchen mit dieser Organisationsform, wie sie die
Bismarckschule Hannover zusammen mit dem 5. Lyceum in Poznan erprobt hat,
vor allem die polnische Seite, die insgesamt noch weniger Erfahrung mit
projektorientierten Unterrichts- und Lernformen hat und diese zunächst
einmal in der eigenen Schule und mit den eigenen Schülern erproben muß.
Auch sind die administrativen Rahmenbedingungen für Projektveranstaltungen
in Polen (aber auch in anderen Ländern wie z.B. der Türkei) mit einem
eingeengteren und zentralistischer verwalteten Schulsystem und der weniger
wissenschaftlich ausgerichteten Lehrerausbildung ungünstiger als in
Deutschland (oder sagen wir konkreter: als in Niedersachsen).
Die Vorbereitung eines
projektorientierten Schüleraustausches verteilt sich auf mehr Kollegen als
beim "klassischen Schüleraustausch" (der tendenziell sich auf jeweils
einen verantwortlichen Koordinator oder auch Initiator konzentriert) und
bezieht ganz bewußt die jeweiligen Fachkonferenzen in die Vorbereitung und
in die Verantwortung mit ein. Das bedeutet auch, daß in der
Vorbereitungsphase deutlicher nach der unterrichtlichen Einbindung und die
Beziehungen zu den üblichen Unterrichtsinhalten gefragt werden muß. Diese
Organisationsform betont daher die Frage nach der bewußten curricularen
Einbindung des interkulturellen Lernens und des Schüleraustausches.
Austauschbezogene
Studienfahrten sind meist zusätzliche Kontaktmöglichkeiten zu den üblichen
Veranstaltungen im Schüleraustausch. Ein Studienfahrtprogramm, wie es in
den Schulen meist schon erprobt ist (Vorschläge für Polen hat der
Verfasser z.B. in Praxis Geographie 4/92 veröffentlicht), wird ergänzt und
abgerundet durch einen zeitlich kürzeren Besuch bei der Partnerschule.
Auch hier ergeben sich wieder reizvolle Perspektiven und Alternativen. Ein
Austausch mit "exotischeren" Zielen als Polen, wo zu erwarten ist, daß die
Teilnehmer nur wenige Chancen zur Verlängerung und Vertiefung des
Landesaufenthaltes und zum Ausbau der unmittelbaren Landeskenntnisse haben
werden, kann die austauschbezogene Studienfahrt gar zum Regelfall des
Schüleraustausches werden lassen. Die Bismarckschule Hannover ist in ihrem
Türkei-Kontakt diesen Weg mit Erfolg gegangen. Dabei ist aber zu
berücksichtigen, daß nicht nur Fahrtdauer und organisatorischer Aufwand
größer werden, sondern auch die Kosten, da während des
Studienfahrtanteiles kaum je eine Familienunterbringung gewährleistet
werden kann. Eine Reise zu historisch und landeskundlich wichtigen Orten
mit ortsüblichen Verkehrsmitteln oder mit einem im Lande selbst
angemieteten Fahrzeug bietet aber, bei einer ausreichenden inhaltlichen
Vorbereitung, der Begleitung durch einen ausgewiesenen Landeskenner und
bei Gesprächskontakten und sonstigen, auch privaten Kontaktmöglichkeiten,
die durch Empfehlungen leicht hergestellt werden können, ein umfassendes
und unvergeßliches Erlebnis, das den Zielen der Schulpartnerschaft
nur dienlich sein kann.
Im Polenkontakt ergibt
sich die grundsätzliche Frage, in wie weit die polnischen Schülerinnen und
Schüler in das Ergänzungsprogramm mit einbezogen werden können und wie sie
selbst dafür vorbereitet werden können. Aber auch bei polnischen Schülern,
die die deutsche Partnerschule besuchen, müßte die Alternative einer
zusätzlichen Rundreise geprüft werden, um zusätzliche Informations- und
Erlebnismöglichkeiten zu schaffen; doch wird hier die Finanzierung, die
bislang jedenfalls von deutscher Seite durch Zuschüsse gewährleistet
werden müßte, was oft unmöglich ist. Hier sei fallbezogene Phantasie
anempfohlen! Die Vorbereitung kann hier wieder in Klassen oder
thematischen Kursen erfolgen; bessere Erfahrungen wurden jedoch mit
Arbeitsgemeinschaften gemacht, in denen die Reiseteilnehmer sowohl
gemeinsam die inhaltliche als auch die organisatorische Vorbereitung
leisten. Diese AG übernimmt dann auch nach der Reise die
Ergebnissicherung, wie sie im nächsten Abschnitt diskutiert werden soll.
Ein wesentlicher
Vorteil dieser Organisationsform ist die Möglichkeit, über den
(wichtigen!) privaten und familiären Kontakt und das Kennenlernen der
schulischen Alltagswelt hinaus die für das Gastland wichtigen und
symbolträchtigen Orte kennen zu lernen und mit ausgewiesenen Fachleuten
Gespräche über Polen, über polnische Gegenwart und Geschichte führen zu
können. Kontakte zu Gesprächspartnern vermitteln ggf. die
Deutsch-Polnischen Gesellschaften in Deutschland oder die entsprechenden
Gesellschaften Deutschland-Polen in den wichtigsten polnischen Städten,
deren Adressen z.B. in Praxis Geographie 4/92 oder, bei Adressenänderungen,
kontinuierlich in Dialog, der Vierteljahrsschrift der Arbeitsgemeinschaft
der Deutsch-Polnischen Gesellschaften zu finden sind. Hilfe bei der
Vorbereitung aller Schüleraustauschfahrten und Polenkontakte leisten
darüber hinaus fallweise die Landeszentrale für politische Bildung, das "nli"
oder das Gesamteuropäische Studienwerk Vlotho. Kontakte mit örtlichen
Bundes- und Landtagsabgeordneten, mit dem kommunalen Schulträger (vor
allem wenn eine Gemeindepartnerschaft mit Polen schon besteht) oder auch
mit den katholischen Kirchengemeinden können wichtige Beziehungen aufbauen
helfen und entscheidene Tips und Hinweise vermitteln.
Die abschließenden
Abschnitte dieser Ausführungen können knapper gehalten werden, da die
Zielsetzungen und Rahmenbedingungen hinreichend ausführlich in den beiden
vorangegangenen Kapiteln entfaltet worden sind und sich Aspekte der Vor-
und Nachbereitung wie auch, abschließend, der Einbindung in übergeordnete
didaktische Konzepte aus diesen Ansätzen heraus leicht entwickeln und
ablesen lassen können.
Grundidee jeder Vor- und
Nachbereitung ist es, über das unmittelbare, möglichst eindringliche
Erlebnis hinaus, Kontinuität der Lernerfahrung bei den beteiligten
Schülern, Kontinuität der Schulpartnerschaft als institutionalisierter
Veranstaltungsform, und Kontinuität der Verwirklichung des
interkulturellen Lernens in der Schule zu stiften.
Außerunterrichtliche
pädagogische Veranstaltungen wie Arbeitsgemeinschaften und Projekttage
spielen dabei eine entscheidende Rolle. Daß dazu zunächst ein zumindest
formaler, besser natürlich: tragender Konsens im Kollegium, in der
Gesamtkonferenz hergestellt werden muß, dürfte selbstverständlich sein. Je
mehr Kolleginnen und Kollegen von Anfang an in den Schulkontakt mit
einbezogen werden können, umso besser sind die Chancen, die Schülerschaft
zu motivieren und der Schulpartnerschaft die notwendige Sicherheit und
Kontinuität zu geben.
Um eine Identifikation
mit geplanten Schulpartnerschaften bei Schülerinnen und Schülern wie auch
bei Kollegen und Eltern zu erreichen, sind einleitende
Projektveranstaltungen bewährt. Themenbezogene Projekttage z.B. zum Thema
"Polen" können in klassenübergreifenden Gruppen die Rahmenbedingungen
entwickeln, in denen der Schüleraustausch stattfinden kann. Dazu könnten
Einladungen an Kolleginnen und Kollegen der vorgesehenen Partnerschule,
Einladungen an Zeitzeugen und Kommunalpolitiker des kommunalen
Schulträgers etc. die notwendige inhaltliche Vertiefung bieten. Eine
Podiumsdiskussion über Schüleraustausch oder über die Deutsch-Polnischen
Beziehungen, deren Moderation ggf. in die Hände der örtlichen
Deutsch-Polnischen Gesellschaft gelegt wird, und ein abschließendes
"Polnisches Fest" in der Schule, mit polnischem Imbiß, Volkstanz,
polnischer Musik und vor allem - wenn in der Schule vorhanden - bewußter
Integration von Aussiedlerkindern und ihrer Eltern geben ein ausgewogenes
Verhältnis von Information, Kommunikationsanreizen und affektiv
ansprechendem Rahmen. Eine Informationsausstellung über die vorgesehene
Partnerschule, über Geographie und Geschichte Polens (Karten, Stadtpläne,
Fotos) und über die konkreten Austausch- und Reisepläne halten das
Austauschprojekt in der Schule präsent.
Darüber hinaus ist es
aber nicht nur sinnvoll sondern notwendig, das Thema Polen in die Klassen
hineinzutragen durch Unterrichtseinheiten (z.B. in Sozialkunde,
Geschichte, Erdkunde, Werte und Normen, Religion, Deutsch u.a. ) oder
zumindest über die Klassenlehrer. Geeignete Schülerinnen und Schüler
sollten direkt angesprochen werden. Wenn zunächst eine Gruppe aus Polen
erwartet wird, kann ein Junktim oder zumindest eine "Vorrang-Beziehung"
zwischen der Aufnahme polnischer Gäste (wenn es familiär möglich ist!) und
der eigenen Beteiligung an einer Polen-Reise hergestellt werden.
Ein Anreiz zur
Identifikation mit schulischen Partnerschaftsprojekten ist auch die
bewußte Herstellung von Öffentlichkeit durch Information der örtlichen
Presse oder des Rundfunks. Schülerinnen und Schüler empfinden dies meist
als Bestätigung ihrer Aktivitäten und damit als Anreiz, bewußt weiter zu
machen.
Wenn der Schüleraustausch
funktioniert, ist es sehr sinnvoll, die vorangegangenen Teilnehmer nicht
nur durch das gemeinsame Anfertigung von Reise- und Polenberichten (die zu
mindest für die Schulöffentlichkeit publiziert werden sollten: die nicht
sehr erheblichen Kopier- und Herstellungskosten können im Reisepreis
gleich mitkalkuliert werden ebenso wie die Anfertigung vorher verteilter
Informations- und Programmaterialien wie z.B. eines individuellen
"Reiseführers" mit Informationen, Plänen und Adressen), sondern auch durch
Schulveranstaltungen ("Polen-Nachmittag" mit polnischem Imbiß, Ausstellung
und Diavortrag) und durch eine "Werbetour durch die Klassen", bei der die
Mitschülerinnen und Mitschüler informiert und direkt zur Teilnahme
aufgefordert werden.
Sicherlich nicht
ausreichend ist ein "Rundbrief" an Schülern und Eltern oder gar nur ein
Aushang am "Schwarzen Brett" als einziger Vorstellung des geplanten
Austauschprogrammes. Die Ansprache muß direkter, persönlicher,
differenzierter und längerfristig erfolgen, nur dann ist eine ausreichende
Resonanz zu erwarten (oder auch nur zu erhoffen).
Die tatsächlich
vorhandenen negativen Stereotypien gegenüber Polen, das mangelnde
Interesse an unseren östlichen Nachbarn sind in unseren Schulen wie
Kollegen bestätigen weit verbreitet. Umso intensiver muß die Ansprache
sein. Unabdingbar ist damit aber auch die didaktische und curriculare
Einbindung der inhaltlichen Seite des Polenkontaktes in möglichst viele
Fächer der Schule.
Überarbeiteter Text eines
Vortrages im Rahmen einer Lehrerfortbildungstagung in der Internationalen
Begegnungsstätte Sonnenberg/Harz am 3.3.92
Druckfassung in "politik
unterricht aktuell" 2/92 (Juni 1992) Mitteilungen aus dem Verband der
Politiklehrer e.V., Hannover
Anmerkungen:
Junge Deutsche und Polen begegnen sich. Schüleraustausch und
Studienreisen. Herausgegeben von Lothar Nettelmann und Gerhard Voigt.
Schriftenreihe des UNESCO-Clubs für die UNESCO-Schule am Maschsee,
Bismarckschule Hannover, e.V., Hannover 1990
Gerhard Voigt: Schülerreisen nach Polen, S. 44 ff.; K.-W. Grünewälder:
Literatur zum Thema, S. 48 ff.
z.B. in Reiseberichten und Projektveröffentlichungen, an denen auch
Schüler beteiligt sind und die daher besonders aufschlußreich für die
Wahrnehmungsperspektiven junger Reisender erscheinen - Grundlage für
die didaktische Konzeption eigener Reisen mit Schülern!
Über die Erfahrungen mit dieser Organisationsform im Türkei-Projekt
der Bismarckschule hat der Verfasser im Heft 98/90 der Oldenburger
Vor-Drucke der Universität Oldenburg berichtet. Lothar Nettelmann
berichtet im gleichen Heft über die Schulpartnerschaft mit Polen.
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