|
Gleich vorab: Die PVAP
(polnisch: PZPR) ist keine dem traditionellen Muster entsprechende
Kommunistische Partei. Sie ist auch nicht in gleicher Weise wie die SED
aus einer Zwangsvereinigung einer vorhandenen sozialdemokratischen mit
einer kommunistischen Partei unter Ausschaltung und Unterdrückung der
Mehrheit des sozialdemokratischen Anteils der neuen Partei und Verfolgung
ihrer Funktionsträger und aktiven Anhänger entstanden.
Während die SED auf einer
im Untergrund, Widerstand und Exil fortbestehenden KP mit eigener (Kampf-)
Geschichte und Tradition aufbauen konnte, gab es für die PVAP diese
Möglichkeit nicht. Es gab nur die kleine Gwardia Ludowa (GL), eine gegen
die deutsche Naziokkupation kämpfende Untergrundarmee. Diese hatte eine
sozialistische oder auch kommunistische Zielsetzung, stand aber nicht
unter der Führung einer Kommunistischen Partei – weil es eine solche nicht
gab und der Krieg gegen die Besatzer andere Prioritäten als politische
Zieldiskussionen erzwang.
Daneben gab es die im
Januar 1942 gegründete Polnische Arbeiterpartei (PPR), die aber wesentlich
auf der östlichen Seite der Front wirkte. Sie stand in Kontakt mit der
Gwardia Ludowa (GL). Diese hatte aber eine Eigenstruktur und war nicht von
den Befehlen der PPR abhängig, wie die Heimatarmee (AK), die unter dem
Befehl der Exilregierung in London stand.
Nach dem Kriege wurde die
Rolle von PPR und GL im Übermaß hervorgehoben; jetzt, nach den Umbrüchen
in Polen, erfolgt wieder eine Umwertung. Die PPR konnte gebildet werden,
weil unter den Polen, die es aus vielfältigen Gründen in die UdSSR
verschlagen hatte [Deportationen, Kriegsgefangenschaft, Flucht], sich die
Überzeugung herausbildete, nur ein sozialistisches Polen könne an der
Seite einer die Existenz des Landes und der Nation gewährleistenden
Sowjetunion angesichts des Vernichtungskampfes, den Nazideutschland
führte, überhaupt bestehen.
Nach Beseitigung des
Stalin nicht genehmen Ersten Sekretärs der PPR und auch noch seines
Nachfolgers, wurde der Altkommunist Wladislaw Gomułka zum Ersten Sekretär
ernannt.
Die Mitglieder der PPR
rekrutierten sich aus den genannten Gruppen und aus Bewohnern des von der
Roten Armee sowie den an ihrer Seite kämpfenden polnischen Soldaten der so
genannten „I. Polnischen Armee“ befreiten Gebietes. Die Mitglieder
entstammen mehrheitlich nicht der Arbeiterklasse; diese gab es im Osten
Vorkriegspolens praktisch nicht. Sie waren zumeist bäuerlicher Herkunft
oder entstammten der so genannten „Szlachta“, dem Kleinadel. Dieser war
weitgehend verarmt und ökonomisch bedeutungslos, hatte aber seine
Traditionen bewahrt und stellte einen hohen Anteil des polnischen
Offizierskorps der Vorkriegsarmee. Aus diesem Kreis stammt z.B. General
Jaruzelski, der als junger Soldat in der Sowjetunion in der gegebenen
politisch-militärischen Situation seine Überzeugung als Kommunist gewann.
Mieczslaw Rakowski, der
gegenwärtige Erste Sekretär der PVAP, entstammt einer Bauernfamilie und
repräsentiert den Typ Parteimitglied, der in jungen Jahren im Sinne des
Stalinismus ausgebildet wurde. Als Chefredakteur einer angesehenen
Wochenzeitschrift („Polityka“) wurde er im Westen bereits als Liberaler
eingeschätzt. Realpolitisch gesehen, muss man ihn eher der
Sozialdemokratie zurechnen. Vermutlich wird er künftig, nach Auflösung der
PVAP, in einer links-sozialdemokratischen Partei mitarbeiten. Da es
gegenwärtig bereits mehrere Parteien auf jeder Seite des politischen
Spektrums gibt und z.T. regionale kleinere Gruppen sich als Partei
verstehen, teilweise aber noch nicht registriert sind oder sich nicht
registrieren lassen wollen, gibt es auch mehrere Parteien mit ähnlichen
oder gleichen Namen.
Es ist gegenwärtig noch
nicht abschätzbar, ob sich aus der Solidarnosc-Bewegung größere (Volks-)
Parteien herauskristallisieren. Aus diesem Potential und der Zerfallsmasse
der PVAP wird in Polen gegenwärtig vermutet, dass zumindest in der
nächsten Zeit eine parteipolitische Zersplitterung erfolgen wird. Dies
hat aber eine lange polnische Tradition. Noch einmal zu Rakowski: Er
gehört in Polen zu den meistgehassten Menschen und zwar nicht, weil er
Kommunist ist; dieses ist er als Intellektueller auf keinen Fall! Man
verbindet mit ihm Kriegszustand, Unterdrückung der Solidarność und
letztlich die Repräsentanz eines maroden Systems in einem Land, dessen
Bewohner nur in einem eine gleiche Meinung haben: in der entschiedenen
Ablehnung des Systems.
Wenn auch die PVAP ein
Zwangsprodukt der beginnenden Stalinismusphase in Polen ist
(Verschmelzung von PPS und PPR im Dezember 1948, nachdem die PPS bereits
im April 1948 gezwungen wurde, aus der Sozialistischen Internationale
auszutreten und stalinistische Säuberungen durchmachte), so unterscheidet
sie sich trotz mancher Parallelen von der SED. Für die neuen polnischen
Kommunisten in der PPR und die neuen und alten Sozialisten in der PPS und
später in der PVAP gab es wesentlich andere Ziele und Prioritäten als in
der SED.
War dort – zumindest
partiell – der Wille und die Überzeugung vorhanden, aufgrund der
Niederlage der Arbeiterbewegung 1933 und des gemeinsamen, zumindest zeit-
und zielgleichen Widerstandskampfes eine politische (Kampf-) Einheit zu
bilden, die mehr als ein Zweckbündnis war, so verhielt es sich in Polen
anders. In Polen gab es keine der KPD vergleichbare Partei, die die Chance
bekam, in der neuen Einheitspartei zu dominieren und wesentlich die alten
Ziele der KPD umzusetzen – zumindest theoretisch.
Die neue PVAP konnte nicht
auf die Tradition, die Organisationsstruktur, die Kader, die den
Naziterror überlebt hatten, zurückgreifen, da ja die PPR selbst
situationsbedingte Neugründung der Kriegszeit war. Die alte polnische KP,
die in den wenigen freien Wahlen der Vorkriegszeit maximal vier Prozent
der Stimmen erhalten hatte und von der Militärdiktatur Pilsudskis und
seiner Nachfolger unterdrückt worden war, existierte nicht mehr. Ihre
aktiven Mitglieder, darunter viele jüdische Intellektuelle, waren in das
Land ihrer Träume geflüchtet – man kann es so sagen – und dort dem
stalinistischen Terror zum Opfer gefallen. Stalin ließ sie in
Internierungslager und Zuchthäuser bringen und schließlich ermorden. Dies
erklärt das äußerst schwierige Verhältnis auch der polnischen Kommunisten
zur Sowjetunion.
Alle politischen Kräfte in
Polen verstehen sich bezüglich der Sowjetunion und deren zaristischer
Hegemonialtradition in einer starken emotionalen Distanz – und dieses bei
allem sonstigen innenpolitischen Dissenz. Dieses Phänomen ist natürlich
mit den klassischen politischen Kategorien und gar einem marxistischen
Ansatz nicht zu erklären. Umgekehrt ist das Verhältnis der sowjetischen
Kommunisten zur SED und den deutschen Kommunisten aufgrund der
historischen Entwicklung anders als zur PVAP und deren Mitgliedern. Die
SED steht (und stand) in der Tradition der KPD, die sich wiederum aus der
sozialdemokratischen und Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts ableitete
und sich ideologisch vor allem auf die Ahnherren Marx und Engels berief.
Die ideengeschichtliche Entwicklung des Marxismus, die wesentlich in
Deutschland stattfand, prägte das Verhältnis der russischen Kommunisten zu
den deutschen von Anfang an. Dass die administrative Hilfe der Deutschen
Reichsregierung und die Goldmarkzahlungen aus der Reichskriegskasse
wesentlich zur Durchführung der Revolution und ihrem Erfolg beitrugen, sei
nur am Rande erwähnt. Dieses spezifisch deutsch-russische Problem wird
nicht überall gleichrangig bewertet bzw. gar übersehen.
Die polnischen
Kommunisten, wie die Polen im allgemeinen, galten und gelten in der UdSSR
nur als bedingt zuverlässig. Dies ist ebenfalls eine Folge der Belastungen
aus der Historie der beiden Länder. Das Verhältnis Polens und der
Sowjetunion ist auf allen Ebenen stark belastet. Aufgrund
der jeweiligen konkreten
Nachkriegssituation fand dieses nur nicht immer den entsprechenden
Ausdruck. Die äußeren Bedingungen verhindern zumeist eine entsprechende
Umsetzung. Die potentielle Unzuverlässigkeit in den Augen der Sowjetunion
führte dazu, dass sich die sowjetische Politik seit dem Abschluss der
Ostverträge 1970 und der beginnenden Liberalisierung in der Volksrepublik
Polen und dem gleichzeitigen Neo- oder Spätstalinismus der DDR verstärkt
und mit eindeutiger Priorität diesem preußisch-sächsischen Eckpfeiler des
RGW und der Warschauer Pakt Organisation (WPO) zuwandte.
Ausdruck dessen war z.B.
die qualitative und quantitative Hochrüstung in der DDR, während Polen
keine moderne Militärtechnologie mehr erhielt. Selbst moderne Panzertypen
(z.B. der T72) konnten zwar in Polen in Lizenz produziert werden, waren
aber nur für den Rüstungsexport bestimmt.
Man könnte an der
polnischen Armee, vor allem dem Offizierskorps, die ambivalente
Problematik deutlich machen. Sie wurden alle im marxistischleninistischen
Sinne ausgebildet und ständig indoktriniert und auf das Bündnis mit der
Sowjetunion im Sozialismus eingeschworen.
Auch die ZOMO stellt keine
der Sekuritate vergleichbare Geheimarmee der Partei dar. Es gab sie in
dieser Weise nicht – wohl aber, wie wir inzwischen wissen, in der DDR und
der Sowjetunion.
Ein Rückblick in das Jahr
1981: In der Endphase des Erneuerungsprozesses vor
dem Verbot der Solidarność
mit Verhängung des Kriegszustandes am 13.12.1981, als die Situation
äußerst gespannt war und man in Polen in der ständigen Ungewissheit lebte:
„Marschieren die Russen ein oder nicht?“, gab es bezüglich der vermuteten
Haltung der polnischen Armee folgende Einschätzung: Die Soldaten würden
auf keinen Fall auf eigene Landsleute schießen und die Offiziere bis zum
Regimentskommandeur würden keine solche Befehle weiterleiten und erteilen.
Bezüglich der Generale, die alle eine Ausbildung in der Sowjetunion
erhalten hatten, meinte man, nur ein Drittel der knapp fünfzig Generale
müsse man erschießen, damit sie keine Befehle (der Sowjets) gegen das
polnische Volk geben würden.
Wenn auch die polnische
Armee Ausdruck und Organ des sozialistischen Polens sein sollte und auch
in hohem Maße war, so unterschied sie sich bis dato wesentlich von der
NVA, die unter der gleichen politischen Prämisse gebildet wurde. Typisch
für die polnische Armee ist ein ausgeprägter Patriotismus in der Tradition
der Freiheitskriege und der Aufstände (vor allem gegen Russland!). Die
Armee selbst stand in der Tradition mehrerer Armeen des Zweiten
Weltkrieges: der Polnischen Armee bis 1939, die in ihren Resten
fortbestand und im Westen (von England aus, in Nordfrankreich)
weiterkämpfte; dann im Westen, in Nordafrika und Italien, die so genannte
„Anders-Armee“, die aus früher in die UdSSR verschleppten Soldaten bestand
und ebenfalls der Exilregierung unterstand; drittens die Heimatarmee (AK;
eine Untergrundarmee in Polen, die den Warschauer Aufstand durchführte,
Polen zum Teil befreite, und deren Offiziere danach in großer Zahl von der
Roten Armee erschossen wurden), viertens die kleineren linken
Untergrundarmeen und dann auf sowjetischer Seite die Polnische Armee, die
sich im Osten rekrutierte und direkt an der Befreiung Polens teilnahm.
Die bis 1946 in Italien
stehende Anders-Armee hoffte, in Warschau als Befreier einzumarschieren.
Sie wurde aufgelöst; ihre Ziele waren aber für die polnischen Patrioten
typische Illusionen. Wenn nun der Zwang in der neuen Polnischen Armee ab
1948 bestand, mit der Tradition der „reaktionären“ Armeen zu brechen, so
lebten ihre Traditionen dennoch weiter. Daran änderten auch die
Politoffiziere nichts - im Gegenteil: Je mehr die Erinnerung an diese
polnischen Soldaten und Patrioten unterdrückt wurde, umso mehr wirkte sie
– oft verklärt – auch im jüngeren Offizierskorps fort. Es spielte dabei
eine völlig nachrangige Rolle, ob diese Soldaten Mitglied der Partei
waren. Jeder höhere Offizier war nahezu automatisch in der Partei. Dieses
sagt aber weder über ihn noch über die Partei selbst etwas Stichhaltiges
aus. Ähnliches gilt für den gesamten Staatsapparat. Jeder, der in der
Partei war, betonte, dass er kein Kommunist sei und eher in der Tradition
der PPS stünde. Diese Phänomene haben die jeweiligen Kollegen in der DDR,
mit denen man dienstlich oder wissenschaftlich zusammenarbeitete, zumeist
überhaupt nicht begriffen.
Hatte schon die Bildung
der PPR in der Sowjetunion innerhalb gegebener politisch-militärischer
Rahmenbedingungen stattgefunden, so erfolgte die Geburt der PVAP zwar
zeitgleich mit der SED, aber unter historisch völlig anderen Prämissen.
Die SED konnte im hoch industrialisierten Mitteldeutschland an die
Tradition der Arbeiterbewegung anknüpfen. Man denke an Städte wie Erfurt,
Eisenach und Gotha, die mit der Geschichte der Arbeiterbewegung eng
verbunden sind. Außerdem handelte es sich noch um die gemeinsame Tradition
der Arbeiterbewegung vor der Abspaltung von USPD und KPD, die wiederum den
Einheitsgedanken in der SED begründen half.
In Polen stand die
Arbeiterbewegung vor dem Krieg im Konflikt der nationalen und der
internationalistischen Ausrichtung (Rosa Luxemburg). Dieses war zwar auch
eine theoretische Auseinandersetzung, für die Mehrheit der Arbeiter vor
1914 war es zugleich primär die Frage der nationalen Existenz überhaupt.
Kurz: Die polnische Arbeiterbewegung vor 1914 ist zwar insgesamt von
Bedeutung, lässt sich aber kaum im Sinne des Einheitsgedankens
instrumentalisieren.
Noch diffiziler ist der
Versuch der PVAP gewesen, den Einheitsgedanken aus der Zwischenkriegszeit
zu legitimieren. Zum einen gab es nicht das gewichtige Argument, dass eine
insgesamt starke Arbeiterbewegung vor allem aufgrund ihrer Spaltung dem
Faschismus unterlegen gewesen wäre. Die polnischen Arbeiterparteien waren
insgesamt zu schwach, noch mehr zersplittert und es hatte auch nicht die
eskalierenden Auseinandersetzungen gegeben, respektive die
bürgerkriegsähnlichen Aktionen, die nun in Deutschland auch noch teilweise
gegen die von der anderen Arbeiterpartei geführte Regierung gerichtet
waren und deren Beendigung die Spaltung zementierte.
Zum anderen waren ja
gerade die alte KP 1937 von denen zerschlagen worden, die
die neue Partei als PPR
1942 gründen ließen. Dieser traumatische historische Bruch in der
Geschichte der polnischen KP ist bis heute nicht bewältigt. Er wurde
immer nur überlagert durch andere temporär vordringlichere Probleme.
Die PPS hatte in Polen ein
ähnliches Stärkeverhältnis zur KP wie in Deutschland die SPD zur KPD. Sie
hatte aber nie die Bedeutung und Größe der SPD erreicht. Zudem hat es eine
regional bedeutende Arbeiterbewegung in Polen im wesentlichen nur in
Oberschlesien, dem Posener Raum und in Lódż gegeben. Die große Mehrheit
der Bevölkerung war bäuerlich-konservativ und/ oder national eingestellt
und stand zudem unter dem Einfluss der Katholischen Kirche. In Polen ist
der Begriff „national“ aber eher als „patriotisch“ zu verstehen.
Ab 1948 wurde die PVAP zum
entscheidenden innenpolitischen Machtfaktor aufgrund der politischen,
militärischen und ökonomischen Folgen des Krieges. Es war aber nicht nur
der strukturelle Bruch, der Menschen bewog, Mitglied der Partei zu werden.
Auch die Propaganda in den Medien und die Agitation in der Armee lieferte
nicht die entscheidenden Gründe für den Eintritt.
In einer kurzen Phase zu
Beginn der Existenz dieses neuen Staates waren Patriotismus und
Sozialismus für viele Menschen identisch. Staatsraison, verbunden mit
einem vorübergehend in hohem Maße vorhandenen gesellschaftlichen Konsens,
war die Notwendigkeit einer engen und stabilen Bindung an die
militärische, ökonomische und politische Militärmacht Sowjetunion.
Im Nachkriegspolen kann
man bis heute –inklusive der Dilletantismen und Peinlichkeiten im
Zusammenhang mit dem Kohl-Besuch im November 1989 – nichts tun oder
unterlassen, ohne die Allgegenwärtigkeit des polnischen Holocausts, die
begonnene physische und psychische Vernichtung des polnischen Volkes von
1939 bis 1945, zu berücksichtigen. Prämissen waren und sind die
Lebensrechte und die Existenzfähigkeit des polnischen Volkes in
gesicherten und garantierten Grenzen.
Nur im historischen
Kontext ist es zu verstehen, warum gleich lautende propagandistische
Schlagworte von der „Herrschaft der Arbeiterklasse“ oder dem „Arbeiter-
und Bauernstaat“, die in der DDR von manch Gutgläubigen, aber auch
teilweise in fester Überzeugung angenommen wurden, in Polen zu keiner Zeit
eine nennenswerte Resonanz zeigten.
Auch die Vorgabe der
Existenzlegitimierung der SED wie auch der zwanzig Jahre später
gegründeten westdeutschen DKP mit dem bewussten Antifaschismus greift
nicht für die polnische „Bruderpartei“. Abgesehen davon stellt sich nun
gegenwärtig heraus, dass der „Antifaschismus“ mehr oder weniger den
propagandistischen Leerformeln bürgerlicher Parteien entsprach, wie sie
sicherlich von vielen Mitgliedern auch dieser Parteien ernst gemeint
wurden, wie es z.B. auch für das Bekenntnis zu den Sozialisierungen in
Art. 15 GG für viele Bürger galt. Doch die Realitäten waren halt anders.
Aber auch der nur begrenzt
vorhandene Antifaschismus in der SBZ/DDR wird sicherlich bald historisch
aufgearbeitet werden können wie der der Trizone und der BRD. Der
umfassende polnische Abwehrkampf gegen das faschistische Deutschland und
den ‚Hitlerismus‘ (wie man dort sagt), hat andere Dimensionen als der
deutsche Antifaschismus. Andererseits ist es schon makaber und
deprimierend, festzustellen, dass der vorgebliche Antifaschismus Anfang
Januar 1990 herhalten muss, um die Existenz der SED-PDS zu legitimieren.
Wie tief ist der DDR-Sozialismus eigentlich gesunken, dass er sonst
nichts mehr aufzubieten hat, als auf die genannte Weise die
Nachfolgeorganisation der im Verständnis der DDR-Bürger größten
Terrororganisation der letzten vierzig Jahre zu begründen? Inwieweit die
SED-Politik durch Überreaktionen und Verdrängen maßgeblich zum
gegenwärtigen Neofaschismus beigetragen hat, wird noch zu untersuchen
sein. Für die polnische Einheitspartei war nicht der Antifaschismus das
politisch-ideologische Fundament, sondern die Garantie der Lebensrechte
des ganzen Volkes. Die PVAP benötigte die Legitimierung durch den
Antifaschismus nicht, sie partizipierte schlichtweg am nationalen
Konsens! Dieser ging aber sehr bald im Stalinismus Anfang der fünfziger
Jahre verloren.
Was in der DDR vom
Sozialismus übrig bleiben wird, entscheidet sich sicherlich in diesem
Jahr. Man kann aber zu recht feststellen, dass es in der DDR zumindest
eine lange Aufbauphase des Sozialismus gegeben hat; auch die
Führungsrolle der SED kann und muss konzediert werden. Nur für Polen gilt
das nicht.
In Polen war die
Einheitspartei bis 1956 wesentlich von der Sowjetunion abhängig – mehr als
die SED. Polen musste das stalinistische Wirtschafts- und
Gesellschaftsmodell der Sowjetunion übernehmen. Es wurde niemals ein
eigenes entworfen und umgesetzt. Nach 1956 waren die polnischen
Kommunisten unter Gomułka [er galt als Reformkommunist] eher Verwalter
eines status quo, wobei
ihnen Stück für Stück
Zugeständnisse abgerungen wurden. Für diese Prozesse lassen sich
unterschiedliche gesellschaftspolitische und historische Erklärungsmuster
heranziehen, nur nicht das des Sozialismus. Die polnischen Wissenschaftler
beschäftigten sich – soweit sie es frei tun konnten – ausschließlich mit
der Reform und damit der Abkehr vom oktroyierten System. Zum Teil wurde
ihre Tätigkeit geduldet, zum Teil mussten sie gehen, andere bekamen
Berufsverbot.
Die polnischen
Wissenschaftler haben es meisterhaft verstanden, in einer Art
Doppelidentität zu leben! Sie haben einerseits die Formulierungen
reproduziert, die man von ihnen verlangte, andererseits standen sie im
Austausch mit den Kollegen in aller Welt. Auf Symposien konnten sie mit
Wissenschaftlern aller damaligen ‚sozialistischen‘ Ländern reden.
Schwierig war es mit den
Russen [nicht mit den Angehörigen anderer Nationalitäten in der UdSSR].
Diese hatten eine Art „Aufpasserfunktion“. Diese Art von Pflichterfüllung
endete aber bei den russischen Kollegen in der Regel nach wenigen Stunden.
Immer schwierig war es eben nur mit den Kollegen der DDR. Diese waren
dermaßen „eingenordet“ durch die jeweilige SED-Linie, dass es in allen
gesellschaftspolitisch relevanten Bereichen nur eine formale oder eisige
Zusammenarbeit war. Zwar gab es auch in den polnischen Universitäten so
genannte „Politruks“; diese wurden aber ignoriert, teilweise sogar
geächtet. In der mildesten Form wurden sie zu Symposien als Zuschauer
geschickt.
Die Mitgliedschaft in der
Partei war in Polen nahezu ohne Ausnahme ein formales Problem. Sie war
halt eine große Staatsorganisation, die die meisten Schlüsselstellungen
besetzte und in der ‚man‘ mehr oder weniger ‚drin‘ sein musste. Jeder
wusste um die Bedingungen, und es war auch gesellschaftlich kaum
diskreditierend. Man hatte Verständnis dafür, dass Leute Mitglied wurden
und wieder austraten.
Problematisch war –
abgesehen vom Stalinismus – die Situation im Kriegszustand. Damals wurde
massiv versucht, Druck auszuüben und die wesentlichen Schlüsselstellungen
nur noch mit Parteimitgliedern zu besetzen. Dieses beschleunigte den
politischen Zerfallsprozess, da die Leute es auf polnische Weise regelten:
sie waren Parteimitglied und gingen pflichtgemäß zur Beichte. Jetzt, im
Auflösungsprozess der Partei deuten sich viele Probleme an – nicht aber
das der DDR: die Abrechnungen! Praktisch kein Parteimitglied in Polen hat
sich jemals dazu bekannt, Kommunist zu sein. Auf Befragen gab es sehr
unterschiedliche Antworten, zumeist aber in dem Sinne, man stünde in der
Tradition der PPS.
Die PVAP ist – im
Gegensatz zur SED – niemals über den Versuch hinausgekommen, eine dem
Selbstverständnis kommunistische oder marxistisch-leninistische Partei zu
sein. Man hat davon geredet, man hat verwaltet, war korrupt,
stalinistisch, fähig oder unfähig, engagiert oder nichts tuend, egal was:
die Ableitung vom Sozialismus war Deklamation. Daran änderte auch der
entsprechende Verfassungsartikel nichts. Es ist daher auch absolut kein
Problem, ihn zu streichen, den Staatsnamen wieder in „Republik Polen“ zu
ändern und dem weißen Adler wieder die Krone aufzusetzen. Der Mantel ist
abgeschüttelt; nur die Probleme bleiben, gravierender denn je!
Bei aller emotionaler
Ablehnung der SED, auch begründetem Hass, bleibt in der DDR ein Rest von
sozialistischem Bewusstsein, ein Rest von Identifizierung mit diesem
einmal sozialistisch gewesenen Staat, ein Rest von Parteimitgliedern, die
um ein neues Profil kämpfen wollen – nicht so in Polen. Sicherlich
entstehen aus dem Zerfall der PVAP einige sozialistisch orientierte
Gruppen: Das aber nicht, weil sie sich mit der – offiziell Ende Januar
1990 – aufgelösten Partei identifizieren, sondern weil es zur polnischen
Kulturtradition gehört. Die klingt zunächst irrational. Zumindest ist es
mit den üblichen Mustern nicht zu erklären. Man muss zum Beispiel wissen,
dass es in der Solidarność, die wesentlich eine Anti-PVAP-Bewegung war,
durchaus sozialistische Gruppen gab. Es handelte sich um alle
Schattierungen und Splittergruppen, die mit dem von der KPdSU oder der SED
repräsentierten Sozialismus nichts zu tun haben wollten. Und die PVAP war
nun einmal mit diesen Parteien verbrüdert!
Auch heute gibt es
regional und ideologisch verschiedene linke Gruppen. Selbst Prof. Tych,
Spezialist für die Geschichte der polnischen Arbeiterbewegung und
Herausgeber eines entsprechenden Handbuches, hat kürzlich bei einem
Vortrag in der Universität Hannover nicht den Versuch gemacht, sie zu
charakterisieren oder irgendwie einzuordnen.
Auch das, was nach dem
Zerfall der PVAP bleibt, konnte er nicht konkreten sozialen Gruppen
zuordnen bzw. soziale Bewegungen irgendwie einordnen. Es ist zu vermuten,
dass sich – der polnischen Tradition folgend – Grüppchen im Sinne von
Diskussionszirkeln bilden, die auch theoretisch arbeiten werden, politisch
aber irrelevant bleiben
Es ist zum Beispiel
typisch für Linke wie Kuron oder Michnik, die während der Zeit der
Unterdrückung (oder Nichterlaubnis) theoretisch gearbeitet haben, jetzt
als Funktionsträger nur noch pragmatische Äußerungen von sich geben. Es
ist makaber: Die Situation ändert sich, also ändern sich die Personen. Nur
läuft der Prozess in Polen in besonderer Weise ab: Diejenigen, die den
Parteimantel ablegen, haben es relativ leicht. Diejenigen aber, die zum
Beispiel in den frühen fünfziger Jahren Überzeugungen gewonnen haben, tun
sich schwer: Deren Preis ist oft, auf Knien zu Kreuze zu kriechen. Die
Kirche nimmt wohl jeden auf, aber er muss büßen. Hier laufen Prozesse ab,
die im Westen völlig undenkbar sind. Besser haben es diejenigen, die zwar
für die Partei verbal ihre Pflicht taten, die kirchliche Trauung oder
Taufe dann aber am Wohnort der Großmutter vorgenommen haben.
In Polen kämpft niemand
für den Erhalt des Sozialismus – und sei es der kleinste Rest! Aber kämpft
und arbeitet jemand für eine neue Alternative, eine neue Zukunft des
Landes? Es ist zu befürchten, dass dieses nach den brutalen Regeln der
Industriegesellschaft auch nicht geschehen wird. Vorerst bleiben nur
Sozialpathologie und Agonie. Man gibt sich trügerischen Euphorien hin und
betet. Handeln tun wenige.
Es bleibt zu wünschen,
dass dem Staat ein Rest an Handlungsfähigkeit bleibt, bevor er ökonomisch
stranguliert wird. Die Knebel sind gegenwärtig praktisch nicht zu lösen:
Bei 40 Mrd. US-$ Auslandsverschuldung, einem steigenden
Außenhandelsdefizit, Zinszahlungen, die gegen Null gehen und Einstellung
der Tilgung sieht es nicht positiv aus. Jetzt kommt noch hinzu, dass
vermutlich nach Einführung einer harten Verrechnungsbasis im Handel mit
den anderen (Noch-) RGW-Staaten Polen ein jährliches Defizit von einer
weiteren Mrd. $ hinnehmen muss.
Die Voraussetzung für den
Wechsel vom Warenaustausch zum Handel sind Marktpreise! Ein zusätzlicher
Faktor der Bitternis. Aber das westliche Kapital steht ja „Gewehr bei Fuß
zum Einmarsch“ – oder besser: zum Einkauf. Selbstverständlich zum
Sonderpreis. Wenigstens dies haben nun DDR und Polen gemeinsam. Wenn auch
die SED – unter welchem Namen auch immer – weiter bestehen bleibt und die
PVAP sich aus der Geschichte abmeldet – im Falle eines Konkurses gibt es
kaum noch Möglichkeiten, die Verantwortlichen dingfest zu machen. Es
bleibt nur die eine Verantwortung: die der saturierten Westeuropäer für
die armseligen Nachbarn!
Aber bleibt noch ein Rest
ökonomischer Hoffnung?
Mit Sicherheit wandert
kein polnischer Politiker ins Gefängnis, niemand wird hingerichtet,
Racheakte sind Ausnahmen, Jaruzelski bleibt Staatspräsident (sicherlich
der einzige unter seinen „Kollegen“). Die ZOMO wird aufgelöst; niemand
wird wegen seiner Zugehörigkeit zu einem ‚Staatsorgan‘ entlassen. Militär
und Polizei werden nach und nach reduziert. Die Armut der Mehrheit der
Bevölkerung nimmt zu; aber auch der Reichtum der Wenigen! Drei Spielbanken
gibt es schon. Demnächst dann auch all das, was uns die Konsumgesellschaft
auch beschert – allerdings nur hinter Glas.
Die zunehmende graue
Wirtschaft bewirkt eine gewisse Kompensation; der Zwang für die EG,
Kredite zu gewähren nimmt zu; staatliche Betriebe werden in Gesellschaften
mit beschränkter Haftung, Aktiengesellschaften etc. umgewandelt, und
demnächst verschwindet der Name „Lenin-Werft“ und es prangt ein neuer Name
dran. Hoffentlich nicht wieder der Name „Schichau“!
Und wenn: Opel lässt in
Spanien und Ungarn produzieren; VW in Spanien, Südafrika, Brasilien und
demnächst in Eisenach und Bielsko-Biala. Es gibt keine Alternative!
Nur ein wesentlicher
Unterschied zwischen der DDR und Polen bleibt: Wenn die DDR demnächst als
Konkursmasse wie auch immer angegliedert wird – was soll’s, wenn niemand
dagegen ist!
Für Polen bedeutet aber
Schichau in Danzig, VW in Bielso und das baden-württembergische
Kleinunternehmen in Posen, Breslau oder Allenstein, dass der jahrhunderte
lange deutsche „Drang zum Osten“ wieder auflebt. Dabei ist es egal, ob es
nur das wandernde Kapital ist, dem ein Menschenstrom entgegenkommt – für
Polen wird das Trauma des eigenen Holocausts und der fremden Herrschaft
wieder wach. Dieses subjektive Phänomen gilt es zu verhindern!
|